Eva Bilhuber Gali und Günter Müller-Stewens

Viele rufen nach einer menschlicheren Wirtschaft. Einem humaneren, sozialeren Kapitalismus. Aber wie sollte dieser aussehen? Und was beinhaltet eigentlich menschlicheres wirtschaftliches Handeln?

Auf den ersten Blick erscheint uns das eine Frage des Inhalts zu sein. So schreiben sich viele Unternehmen mittlerweile zusätzliche Ziele und Massnahmen auf die Agenda, um sozialer und umweltgerechter zu produzieren, als Käufer:innen wählen wir mittlerweile viel bewusster regional produzierte, recyclte oder fair gehandelte Produkte aus, und auch Regulatoren und Investoren bemühen sich, die wirtschaftliche Rendite dieses „menschlicheren“ Handelns monetär zu bewerten, was die aktuellen Bemühungen um die Einführung des ESG Reportings zeigen.

Aber reicht das aus, um tatsächlich menschlichen, humanitären Fortschritt in unserer Gesellschaft zu erzielen? Wird unser wirtschaftliches Handeln damit tatsächlich einer zunehmenden Polarisierung und Ungleichheit, den zunehmenden, gewalttätigen Konfliktherden entgegen wirken? Oder dehnen wir derzeit einfach nur das Wettbewerbsprimat auf die Arenen der sozialen und Umweltthemen aus, und beginnen hier nun ebenfalls einen Kampf um „die grösste Rendite“? Die Tatsache, dass bereits vielen Unternehmen Greenwashing nachgewiesen oder zumindest nachgesagt wird, oder dass manche beginnen die Nachbarn kritisch zu beäugen, wenn sie mit dem Flugzeug in die Ferien reisen, sollte uns zu denken geben.

Es muss wohl auf den zweiten Blick noch etwas anderes hinzukommen, wenn unser wirtschaftliches Handeln nicht nur für einen sozialeren oder umweltgerechteren Wohlstand, sondern tatsächlich auch für eine Weiterentwicklung unserer Menschlichkeit im Sinne von mehr sozialem Frieden, Gerechtigkeit, Solidarität und Mitgefühl sorgen soll. Und das betrifft unsere tiefverwurzelte Grundannahme, unser mentales Denkmodell, was wir seit einem Jahrhundert unter richtigem wirtschaftlichem Handeln verstehen.

Bislang ist unsere Idee von richtigen wirtschaftlichen Handeln, dass es uns individuelle Vorteile bringen muss. Egal ob als Käufer, Investorin, Unternehmen oder auch als Nation oder Behörde, wir feiern uns dann als besonders wirtschaftlich erfolgreich, wenn wir einen Rabatt, mehr Freiheiten im Job oder eine höhere Rendite erlangt haben. Wirtschaftlich förderlich gehandelt haben wir folglich, wenn wir ein „grösseres Stück vom Kuchen“ für uns errungen haben. Dahinter steht die Annahme, wir seien in unserem Markthandeln nur uns selbst – d.h. unserem eigenen Vorteil – verpflichtet. Denn wir haben gelernt, dass dieses individuelle Vorteilsstreben ja zum Wohle aller sei, da es Wachstums- und Innovationstreiber unserer freien Marktwirtschaft ist. Was, wenn es genau diese in Fleisch und Blut übergegangene Grundannahme ist, die uns den Weg zu einer menschlicheren Wirtschaft versperrt? Uns limitiert, das Handlungsspektrum zu erweitern?

Wer und wo wären wir, ohne die Annahme, wir seien als Unternehmen, Käufer oder Investor nur uns selbst verpflichtet? Spielen wir es gedanklich mal kurz durch: Wie würden wir entscheiden, wenn wir die Grundannahme hätten, gutes Wirtschaften würde bedeuten, mit unserem Kauf, unserer Investition, unserer strategischen Entscheidung möglichst viele Vorteile auch für andere Menschen – inklusive uns – erzielen zu wollen? Sprich, wenn es nicht darum ginge, das Kuchenstück für uns selbst zu vergrössern, sondern über Zusammenarbeit möglichst den ganzen Kuchen für alle – und das jetzt und in der Zukunft?

Unter dieser Annahme würde wirtschaftlich und menschlich richtiges Handeln integrativ automatisch zusammenrücken. Die Trennung zwischen dem, was „wirtschaftlich“ das Richtige und was „menschlich“ das Richtige ist zu tun, könnte sich auflösen. Denn was wirtschaftlich richtig wäre, würde gleichzeitig auch zu menschlichem Fortschritt beitragen. Anders ausgedrückt, würden wir uns vermehrt mitverantwortlich für andere und als menschlichen Verbund über Systemgrenzen hinweg begreifen, der auf uns zurückwirkt, würden wir in jedem Kauf, bei jeder Investition oder Managemententscheidung eine Chance suchen, damit auch das menschlich „Richtige“ zu tun. Die Frage wäre dann nicht: Wie kann ich durch diese Entscheidung Vorteile erringen, sondern wie kann ich damit gleichzeitig für das Leben von anderen einen positiven Unterschied machen? Die Antwort auf diese Frage kann nicht absolut beantwortet werden. Im Gegenteil.

Wirtschaftlich menschlich handeln heisst damit, dem Vorteil aller zu dienen – und damit auch uns selbst. Nicht umgekehrt, wie bisher. Was das in der jeweiligen Entscheidungssituation für uns als Führungskraft, Käufer:in oder Investor:in dann genau heisst, kann nicht absolut beantwortet werden. Aber man könnte z.B. dem „1-Meter-Prinzip“ folgen, was heisst, dass wir in all unseren Entscheidungen und Handlungen symbolisch gesehen „1 Meter“ vor der legalen Gesetzesgrenze stehenbleiben und unsere gesetzlich zugesprochenen Rechte – oder deren Lücken – nicht unbedingt voll ausnutzen. Weder als Konsument, als Unternehmen noch als Staat. Wir treten dann freiwillig von unserem „Recht“ zurück, allein zugunsten unseres eigenen Vorteils zu handeln. Als Konsumenten würden wir dann z.B. davon ablassen, auf dem W-Lan Anschluss unseres Vermieters zu surfen, oder zwei Lieferdienste zu beauftragen, um dann den langsameren zu stornieren. Unternehmen würden nicht alle Steueroptimierungen realisieren, oder bei Kunden nicht alles digital tracken, was legal möglich ist usw. So hatte beispielsweise im März 2021 die inhabergeführte Schweizer Softwarefirma Abacus die gesamte Kurzarbeitsentschädigung in Höhe von 1,3 Mio. CHF, die sie für vier Monate Corona-bedingt erhalten hat, wieder an die Ausgleichskasse zurückbezahlt. Martin Riedener von der Geschäftsleitung sagte, es sei «moralisch nicht vertretbar gewesen, die Kurzarbeitsentschädigungen zu behalten. Das entspricht nicht der Abacus-DNA.» Würden wir alle gegenüber anderen Marktteilnehmenden symbolisch gesprochen „1 Meter“ unseres Vorteils nicht in Anspruch nehmen, bzw. nicht voll ausschöpfen, würde das vermutlich reichen, dass wir schnell einen Zuwachs an Vertrauen, an Solidarität, Hilfsbereitschaft, Respekt – sprich Menschlichkeit in unserer Wirtschaft verspüren würden.

„Probleme kann man niemals mit derselben Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind.“ Dieses Zitat wird Albert Einstein zugeordnet. Tatsächliche Veränderung findet immer nur dort statt, wo wir beginnen, die Offenheit zu entwickeln, unsere Annahmen und Glaubenssätze bewusst zu hinterfragen. Wenn wir unsere Annahmen verändern, erweitert sich unser Denkraum und damit auch unsere Handlungsmöglichkeiten. Dann werden neue Strategien, neue Ideen und Experimente mit neuem Impact möglich.  Auf diese Weise können wir alle Wegbereitende und Inspiration für andere und eine menschlichere Wirtschaft sein: Indem wir – und sei es nur für einen Tag – in jeder unserer täglichen Entscheidungen und Handlungen eine Opportunität suchen, für Andere und unser Kollektiv menschlich einen Unterschied zu machen. Dann geht es nicht mehr darum, aus einer defizitiorientierten Sicht zu definieren, was wir für eine menschlichere Wirtschaft tun „sollten“ sondern prospektiv gewendet, was wir dafür tun „könnten“. Und damit allein wäre vermutlich schon viel für mehr Menschlichkeit getan.

Ausführlich reflektieren die Autoren, was eine menschlichere Wirtschaft an Umdenken in der Unternehmensführung beinhaltet in ihrem neu erschienenen Buch: „Das Richtige tun – Aufbruch zu einer menschlicheren Wirtschaft“. Siehe dazu auch das Video-Interview zum Buch.