«Das Völkerrecht ist nicht mehr einfach da»: Warum Geopolitik zu einer strategischen Frage geworden ist

Geopolitische Schocks entwickeln sich schneller, als sich die rechtlichen Rahmenbedingungen, auf denen das internationale Geschäft beruht, anpassen können. Nach dem Launch des Center for Geopolitics and Corporate Strategy an der Universität St.Gallen erklärt Mitgründer Thomas Burri, warum das Völkerrecht nicht länger als Hintergrundinfrastruktur betrachtet werden kann – und was Unternehmen dagegen tun können.

Interview von Viktoriya Zakrevskaya

Unternehmen diskutieren seit Jahren über geopolitische Risiken. Was hat sich verändert, sodass dies nun zu einer Frage der Unternehmensstrategie und nicht mehr nur des Risikomanagements geworden ist?

Verändert haben sich die Geschwindigkeit und das Ausmass der Ereignisse. Grosse Konflikte und geopolitische Schocks können sich innerhalb von Tagen oder Wochen entwickeln und erfordern von Unternehmen eine sehr schnelle Anpassung.

Das Recht – und insbesondere das Völkerrecht – entwickelt sich traditionell über Jahre oder sogar Jahrzehnte. Dadurch entsteht ein grundlegendes Spannungsverhältnis. Das Umfeld verändert sich schneller, als das Rechtssystem darauf reagieren kann, während Unternehmen Entscheidungen treffen müssen, bevor sich die Regeln oder deren Auslegung gefestigt haben.

Geopolitik kann daher nicht nur als externes Risiko betrachtet werden, das es zu beobachten gilt. Sie beeinflusst die Annahmen, auf denen Unternehmensstrategie, Investitionen und internationale Geschäftstätigkeiten beruhen.

Wo verläuft für ein international tätiges Unternehmen die Grenze zwischen einem rechtlichen und einem geopolitischen Problem?

Die Unterscheidung bleibt analytisch sinnvoll. Man muss verstehen, ob man es mit einer rechtlichen Verpflichtung, einer politischen Entwicklung oder einer anderen Art von Risiko zu tun hat.

In der Praxis werden die Grenzen jedoch zunehmend unscharf. Rechtliche Verpflichtungen, politische Erwartungen, moralische Imperative und grundlegendes unternehmerisches Urteilsvermögen überschneiden sich immer stärker.

Völkerrechtler befinden sich in einer interessanten Position, weil das Völkerrecht nie vollständig von der Politik getrennt war. Was manchmal als Schwäche angesehen wurde – die Schwierigkeit, das Recht von politischer Macht zu trennen –, könnte nun zu einer Stärke werden. Völkerrechtler sind es gewohnt, beide Dimensionen zu berücksichtigen.

Das Völkerrecht war früher etwas, das Unternehmen weitgehend als gegeben voraussetzen konnten. Staaten schlossen Verträge, legten Regeln fest und schufen ein gewisses Vertrauen darauf, dass internationaler Handel, Investitionen und Transport weiterhin innerhalb eines anerkannten Rahmens funktionieren würden.

Diese Annahme wird zunehmend weniger verlässlich. Das Völkerrecht ist nicht mehr einfach im Hintergrund «da». Unternehmen müssen sich nun fragen, was rechtliche Fragmentierung, selektive Rechtsdurchsetzung oder die Schwächung internationaler Institutionen für ihre Geschäftstätigkeit bedeuten könnten. Sie müssen auch darüber nachdenken, ob sie zur Aufrechterhaltung der Systeme beitragen können, von denen das internationale Geschäft abhängt.

Dies geht über konventionelle Compliance hinaus. Es umfasst Szenarioplanung, strategische rechtliche Analysen und ein breiteres Verständnis dafür, wie politische und rechtliche Entwicklungen zusammenspielen.

«Das Völkerrecht ist nicht mehr einfach Teil des Hintergrunds. Es ist zu einem Teil des strategischen Umfelds geworden, in dem Unternehmen tätig sind.»
– Thomas Burri

Wird die regulatorische Fragmentierung selbst zu einem geopolitischen Faktor, insbesondere in Bereichen wie der künstlichen Intelligenz?

Ja, obwohl Fragmentierung nicht völlig neu ist. Auffällig bei der künstlichen Intelligenz ist die Kombination unterschiedlicher regulatorischer Ansätze mit der aussergewöhnlichen Geschwindigkeit der technologischen Entwicklung.

Europa hat versucht, einen umfassenden regulatorischen Rahmen zu schaffen. Andere Rechtsordnungen verfolgen unterschiedliche Modelle und Prioritäten. Gleichzeitig bringt die Technologie weiterhin neue Anwendungen und Risiken hervor, die von den bestehenden Regeln möglicherweise nicht vollständig antizipiert werden.

Dies führt bei Unternehmen zu erheblicher Unsicherheit: nicht nur darüber, was sie tun müssen, um die Vorschriften einzuhalten, sondern auch darüber, ob die Einhaltung eines regulatorischen Rahmens ausreicht, um den umfassenderen technologischen und gesellschaftlichen Risiken zu begegnen.

Forderungen nach globalen Standards, Pausen oder Einschränkungen sind verständlich. Die Schwierigkeit liegt in der Umsetzung. Wenn sich auch nur ein bedeutender Akteur nicht an eine Vereinbarung hält, kann diese wirkungslos werden. Erneut stehen wir vor einem Problem kollektiven Handelns.

Ihr Grand-Challenge-Projekt zum EU AI Act wurde mit dem HSG Impact Award ausgezeichnet. Was machte diese Arbeit über das akademische Umfeld hinaus relevant?

Forschung sollte enger mit der Praxis verbunden sein. Dies schmälert den Wert grundlegender akademischer Arbeit nicht, aber Universitäten müssen sich auch ernsthaft mit realen Problemen auseinandersetzen.

Das war die Idee hinter der Grand Challenge: Praktiker und Akademiker zusammenzubringen und zu untersuchen, ob ein bedeutendes Gesetzeswerk in der Praxis tatsächlich funktionieren kann – wie es umgesetzt werden würde, ob seine Anforderungen umsetzbar sind und wo ungelöste Probleme bestehen bleiben.

Die Grand Challenge hat gezeigt, was möglich wird, wenn wissenschaftliche Strenge und praktische Erfahrung auf ein konkretes Problem angewendet werden. Das ist auch der Anspruch des Center for Geopolitics and Corporate Strategy: Forschung zu entwickeln, die an realen Bedürfnissen geprüft wird und Erkenntnisse hervorbringt, die Entscheidungsträger nutzen können. Das Ziel besteht nicht darin, zwischen Theorie und Praxis zu wählen, sondern beide durch die jeweils andere strenger und relevanter zu machen.

Foto: Leon Olbrecht. // Eröffnung des Center for Geopolitics and Corporate Strategy, SQUARE (St.Gallen), Oktober 2026. Von links nach rechts: Thomas Burri (HSG), Peter Maurer (ehemals IKRK), Alison Martin (Zurich Insurance), Christoph Lechner (HSG).

Foto: Leon Olbrecht. // Thomas Burri mit Gästen bei der Eröffnung des Center for Geopolitics and Corporate Strategy, SQUARE (St.Gallen), Oktober 2026.