From insight to impact: Geopolitik in strategische Handlungsfähigkeit übersetzen

Nach dem Launch des Center for Geopolitics and Corporate Strategy an der Universität St.Gallen erklärt Mitgründer Christoph Lechner, wie das Center fundierte Forschung mit Executive Education, unternehmerischer Entscheidungsfindung und öffentlicher Debatte verbinden will – und wo eine universitätsbasierte Plattform etwas Besonderes bieten kann.

Interview von Viktoriya Zakrevskaya

Das Center vereint Forschung, Lehre, Executive Education und die Zusammenarbeit mit Unternehmen. Wie können sich diese Elemente gegenseitig verstärken, anstatt getrennte Aktivitäten zu bleiben?

Wir haben bereits Erfahrung mit diesem Kreislauf. Wir könnten mit einer Forschungsstudie zu einem bestimmten Thema beginnen (zum Beispiel zu Business Ecosystems) und auf eine Veröffentlichung in einer führenden wissenschaftlichen Fachzeitschrift hinarbeiten. Die Erkenntnisse können anschliessend in einen Artikel für ein Managementpublikum übertragen, in die Executive Education eingebracht und in unserer Arbeit mit Unternehmen angewendet werden.

Es ist nicht immer einfach, ein Thema zu finden, das auf all diesen Ebenen funktioniert. Geopolitik hat jedoch eindeutig dieses Potenzial. Die Fragestellungen sind wissenschaftlich substanziell, für Führungskräfte hoch relevant und stehen in direktem Zusammenhang mit den strategischen Entscheidungen, die Unternehmen treffen.

Das Ziel besteht daher nicht einfach darin, verschiedene Aktivitäten miteinander zu kombinieren. Es geht darum, einen Kreislauf zu schaffen, in dem Forschung die Praxis beeinflusst, die Zusammenarbeit mit Unternehmen bessere Fragestellungen hervorbringt und diese Fragestellungen wiederum in Forschung und Lehre zurückfliessen.

Was kann ein universitätsbasiertes Center beitragen, das Unternehmen nicht einfach bei einer etablierten Beratung für geopolitische Risiken oder Strategieberatung einkaufen können?

Der Unterschied liegt zum Teil in der Tiefe, im Zeithorizont und in der Anreizstruktur.

Beratungsunternehmen verfügen über grosse Kompetenzen, arbeiten jedoch normalerweise innerhalb der Rahmenbedingungen eines kommerziellen Mandats. Eine Universität kann Fragestellungen untersuchen, die möglicherweise mehrere Jahre Forschung erfordern, bevor ihre volle Relevanz sichtbar wird: zum Beispiel, wie sich arktische Schifffahrtsrouten entwickeln könnten und was dies für Handel, Infrastruktur und Unternehmensstrategie bedeuten könnte.

Wir können zudem Fachwissen zusammenbringen, das innerhalb eines einzelnen kommerziellen Beratungsteams nur selten kombiniert wird: Politikwissenschaft, Wirtschaftswissenschaften, Recht, Management, Technologie und künstliche Intelligenz.

Unsere Stärke liegt im tiefgehenden Denken, gestützt durch fundierte Methoden. Doch Tiefe allein reicht nicht aus. Wenn daraus keine neuen und nützlichen Erkenntnisse entstehen, haben wir keinen bedeutsamen Vorteil geschaffen. Letztlich muss das Center zeigen, dass seine Forschung die Art und Weise verbessert, wie Organisationen geopolitische Veränderungen verstehen und darauf reagieren.

«Unsere Stärke liegt im tiefgehenden Denken. Doch es schafft nur dann einen Mehrwert, wenn daraus wirklich neue und nützliche Erkenntnisse entstehen.» 

– Christoph Lechner

Wo sehen Sie die grösste Lücke zwischen der Bedeutung, die Führungskräfte der Geopolitik beimessen, und dem Ausmass, in dem sie ihre strategischen Entscheidungen tatsächlich beeinflusst?

Unternehmen befinden sich in sehr unterschiedlichen Entwicklungsstadien.

Einige grosse internationale Konzerne haben bereits umfangreiche geopolitische Kompetenzen aufgebaut. Sie verfügen über spezialisierte Teams, etablierte Prozesse und die Fähigkeit, Fragestellungen mehrere Jahre im Voraus zu betrachten: zum Beispiel, wie sich ein Wechsel der US-Regierung auf Zölle, Regulierung oder Marktzugang auswirken könnte.

Andere Unternehmen versuchen noch immer, ihre unmittelbare Exposition zu verstehen. Ein CEO mag erkennen, dass Entwicklungen rund um die Strasse von Hormus, kritische Rohstoffe oder internationale Handelsrouten Auswirkungen auf das Unternehmen haben könnten, verfügt aber möglicherweise noch nicht über ein klares Bild davon, was dies für eine bestimmte Lieferkette, Geschäftseinheit oder Produktlinie bedeutet.

Hier wird geopolitisches Risiko komplex. Die Auswirkungen bleiben selten auf eine einzelne Kategorie beschränkt. Krieg, Handelsrouten, Zölle, kritische Ressourcen, Technologie und Regulierung wirken zusammen. Die Risiken verstärken sich gegenseitig.

Neue Analysetools können eine globale Entwicklung zunehmend bis auf die Ebene der Geschäftstätigkeit eines Unternehmens, einzelner Geschäftseinheiten oder Produkte herunterbrechen. Die nächste Herausforderung besteht darin, von der Identifikation der Exposition zur Entwicklung glaubwürdiger strategischer Reaktionen überzugehen.

Die eigentliche Lücke besteht daher nicht unbedingt im Bewusstsein für geopolitische Entwicklungen. Sie liegt in der Fähigkeit, dieses geopolitische Bewusstsein in operative und strategische Entscheidungen zu übersetzen.

Wenn wir uns in drei Jahren wieder treffen: Wie würde Erfolg für das Center aussehen?

Erfolg würde bedeuten, wegweisende Erkenntnisse zu gewinnen und zu einem Ort zu werden, an den sich Unternehmen, politische Entscheidungsträger, Forschende und die Öffentlichkeit wenden, wenn sie führendes Wissen zu Geopolitik und Unternehmensstrategie benötigen.

Es würde auch bedeuten, Projekte umzusetzen, die einen sichtbaren Unterschied bewirkt haben. Das ist der Anspruch hinter der Idee, von Erkenntnissen zu Wirkung zu gelangen.

Wir haben eine Reihe starker Persönlichkeiten zusammengebracht, stehen aber noch am Anfang. In den nächsten drei Jahren wird es darum gehen, dieses Team aufzubauen, eigenständige Arbeiten hervorzubringen und zu zeigen, dass unsere Ideen echten Mehrwert schaffen können.

Foto: Leon Olbrecht. // Christoph Lechner bei der Eröffnung des Center for Geopolitics and Corporate Strategy, SQUARE (St.Gallen), Oktober 2026.

Foto: Leon Olbrecht. // Eröffnung des Center for Geopolitics and Corporate Strategy, SQUARE (St.Gallen), Oktober 2026. Von links nach rechts: Thomas Burri (HSG), Peter Maurer (ehemals IKRK), Alison Martin (Zurich Insurance), Christoph Lechner (HSG).